Der Planet

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Über die Sehnsucht in den Städten - Ein Varieté

Ein Mann geht in den Straßen einer fremden Stadt spazieren. Er ist dort geschäftlich unterwegs, kennt keine Menschenseele, es ist Abend, er hat frei und nichts zu tun, er ist einsam, zurückgeworfen auf sich selbst. Es beginnt zu schneien, und es ist bitterkalt draußen. Da trifft er auf ein erleuchtetes Fenster und sieht hinter den Gardinen eine schöne Frau. Er beginnt zu sinnieren: Über Fenster, Gardinen, über Männer und Frauen, die Sehnsucht, romantische, kindliche Wünsche und nicht genutzte Chancen. Und plötzlich wird aus dieser scheinbar alltäglichen Situation "ein Mann vor dem Fenster einer Frau" ein Moment existenzieller Tiefe, in dem der Mann einen Offenbarungseid auf sein ganzes Leben ablegt. Er steht am Waschbecken im Pissoir einer Diskothek, betrachtet sein Gesicht im Spiegel und stellt plötzlich alles in Frage, was er bis jetzt getan und gelassen hat. Er ist sein Leben lang in fremden Städten umhergestreift wie ein Raubtier auf dem Sprung, er ist auf Empfang gegangen und hat auf ein Signal gewartet, dass er gebraucht wird. Er hat kein Signal empfangen, sich in Ersatzhandlungen verloren. Die Hoffnung weicht der Scham. Die Signale, die er sich im t?glichen Leben ersehnt, erhält der Mann vor allem im Traum. Also sucht er die Liebe dort, in seiner Vorstellungskraft, er fliegt im Traum durch die ganze Welt, findet aber dort keine Gleichgesinnten, und kehrt wieder dorthin zurück, wo sein Gefühl ihn hintreibt: nach Hause. Ganz egal, in welches Hotel du kommst, es gibt immer diese Einwegseife und diese Einwegbecher aus Plastik, du f?hlst dich selber schon wie so ein "Einwegmensch" (...) Und du kannst auch absolut unglücklich sein. Wenn du genau weißt, dass keiner auf dich wartet, du allen egal bist. Dann begreifst du, dass von dir ganz und gar nichts abhängt. Gar nichts. Da kann man nicht einfach zu Hause sitzen bleiben. Da musst du los und dich selbst davon überzeugen, dass wenigstens die Stadt dich braucht. Ein wenig Schlaf ist oft sehr erholsam. Dann scheint es dir, als ob du fliegst (...) Flugzeuge und Raumschiffe fliegen, und in den Fenstern der Städte und Dörfer brennt Licht. Alle senden sich Signale zu. Und wenn es ein guter Traum ist, dann erreichen alle Signale genau die Empfänger, für die sie bestimmt sind. Und sie erhalten auch eine Antwort. Der Haupterzähler ist insofern gleichzeitig "Herr seiner Fiktion" , als er zur Verwirklichung einige "Helfer" an seiner Seite hat: die Frau als Nebenerzählerin, einen Musiker, dessen instrumentale Begleitung ebenfalls in seinen Diensten steht, sowie Bilder eines Video-Einspiels, die seine Gedankenräume auskleiden. Ferner helfen ihm seine Requisiten, die zeichenhaft wie in einem surrealen Bild beim Transport seiner Gedanken behilflich sind. Jewgenij Grischkowez gilt in Russland als der Erfinder eines neuen Genres, das sich zwischen Küchenplauderei und öffentlichem Geständnis bewegt und fast ausschließlich mit sehr persönlichen Gedanken und Gefühlen des Autors zu tun hat. In diesem Fall mit seinen Gedanken über die Liebe zu einer unbekannten Frau, die er nur durch das erleuchtete Fenster in einer Straße einer fremden Stadt sehen kann. Dieses Gewebe aus Gedanken, die sich oft an ganz banalen Dingen aufhängen und dabei doch die Tiefe eines Augenblicks zu ergründen suchen, hat auch die Bezeichnung "Gedanken-Jazz" gefunden.

Regie/Ausstattung: Stefan Schimmel / Es spielen: Angela Schlabinger, Matthias Manz / Musik, Komposition: Robert Jentzsch

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